Abenteuer Biopsie

Letzten Mittwoch war ich zur Biopsie meiner Knubbel am Arm im Wilhelmsburger Krankenhaus. Mein Professor hatte leider nur noch dort kurzfristige OP-Kapazitäten.

Wilhelmsburg hat – rein von der Gegend her – einen komischen Beigeschmack für mich. Nun gut, man soll ja aber offen für alles sein, gerade, wenn es schnell gehen muss.

Die Voruntersuchungen liefen schnell und gut. Herz, Blut usw. lieferten einwandfreie Ergebnisse. Gut zu wissen, dass ich bis auf mein Krustentier anscheinend kerngesund bin. Darauf kann man aufbauen, denke ich mir.

Pünktlich um 12:00 Uhr fand ich mich im Krankenhaus ein und alles lief nach Plan. Ich wurde im Computer gefunden, die OP sollte pünktlich um 14:00 Uhr stattfinden, alle waren nett und freundlich. Ich war – verhalten – begeistert.

Dann begann das Abenteuer…

Die Schwester suchte mit mir gemeinsam in dem etwas dunklen (Tageslicht wird überbewertet) Drei-Bett-Zimmer (hatte ich seit Jahren nicht mehr) die Fernsteuerung meines Bettes. Diese war nicht auffindbar. Sie war dabei so nett, dass wir gemeinsam über Ihren Kommentar: „Die hat wohl jemand gebraucht.“ lachen mussten. Dass auch den Mülleimer jemand gebrauchen konnte, nahmen wir zur Kenntnis, als wir etwas entsorgen wollten.

Meine sehr mitteilsame Zimmernachbarin erklärte, dass hier so einiges verschwinden würde. Immerhin waren OP-Hemdchen und Netzhöschen noch da und – wie ich hoffte – sogar in sterilem Zustand. Das altertümliche Waschbecken direkt neben meinem Bett nahm ich zum Anlass, festzustellen, dass der Weg dann nicht so weit wäre, wenn mir schlecht wird…. Ein Badezimmer gab es zum Glück zusätzlich (ich hatte mittlerweile mit einem auf dem Flur gerechnet).

Kaum hatte die Schwester das Zimmer verlassen, pirschte meine Zimmernachbarin sich an mich heran, um in schillernden Farben alle dramatischen Highlights ihrer Hernien-OP darzustellen, während ich in mein OP-Kleidchen schlüpfte. Sie machte eine bedeutungsvolle Pause, um mir dann die unvermeidliche Frage zu stellen: „Was haben Sie denn?“ „Krebs.“ Totenstille. „Oh, ach so, ja, das ist ja schlimm.“ Nahm sich ihre Zeitung und fing betreten an zu lesen. Ich schmunzelte ein wenig in mich hinein und las ebenfalls noch ein wenig. Immer wieder schaute sie zu mir herüber und man konnte ihr ansehen, dass sie am liebsten alles bis in Detail erfragt hätte, sich aber offensichtlich nicht traute. Nach einer viertel Stunde hielt sie es nicht mehr aus und es platzte förmlich aus ihr heraus: „Was denn für einen?“. Ich erklärte ihr freundlich aber in kurzen Worten meine Erkrankung und ihre Neugier war für ein paar Minuten befriedigt. Dann fragte sie mich tatsächlich, wie denn mein Bein etc. operiert worden wären und ob es Fotos davon gäbe, die sie ja sooooo gerne einmal sehen würde. Bereitwillig zeigte ich ihr – zuerst die harmlosen – Fotos auf meinem Handy. Als wir zu den Aufnahmen der vorletzten großen OP kamen, verzichtete sie schockiert auf alle weiteren und es war auf einmal verdächtig still in unserem Zimmer. Dann verabschiedete sie sich schon einmal von mir, da sie ja später, wenn ich wieder käme, nicht mehr da sei und verließ fluchtartig den Raum.

Eine Stunde später durfte ich meine „LmaA“-Pille nehmen und wurde in die OP-Vorbereitung geschoben. Der dort heute anwesende Praktikant (Feuerwehrmann und angehender Notfallsanitäter) war schon ganz aufgeregt, durfte er doch heute zum fünften Mal eine Kanüle setzen (in meinen Arm…). Seine Aufregung teilte ich – trotz Pille…. Mit der Nadel über meinem Arm schwebend, fragte er den – zum Glück – ebenfalls anwesenden Pfleger, ob er da so annähernd richtig sei. Wir – der Pfleger und ich – nickten ihm aufmunternd – ich etwas verhaltener – zu. Anschließend waren wir beide stolz, wie gut das Kanülesetzen geklappt hat 😉 (ich unterstütze gerne angehende Fachkräfte aller Berufsgruppen). Danach schlief ich erst einmal für zwei Stündchen.

Aufwachen tat ich auf der Intensivstation. Etwas panisch (so panisch, wie man sein kann, nach einer Vollnarkose) schaute ich mich um und dachte als Erstes, doch Arm abgenommen… Da er jedoch in seiner vollen Pracht – wenn auch von oben bis unten verpflastert – noch da war, überlegte ich, was wohl bei der relativ kurzen OP so dramatisch schief gegangen wäre, dass ich auf der Intensivstation liegen muss.

Die Schwester brachte Klarheit und Erleichterung: Alles ok mit mir. Der Aufwachraum wäre komplett überfüllt und hier war noch etwas frei. Da haben sie mich halt auf die Intensiv geschoben….

Etwas später, zurück auf der Station sah ich den Abendbrot-Rolli an meinem Zimmer vorbeirollen (der nette Pfleger war der deutschen Sprache nicht sehr mächtig und hatte wohl verstanden, er solle die Tür auflassen, so dass ich das Geschehen im Flur gut verfolgen konnte).

Wie ich auf der „Rückfahrt“ vom OP bemerkte, war das Zimmer neben mir groß und deutlich mit „ACHTUNG MRSA Keim, QUARANTÄNE“ gekennzeichnet. Die Krankenschwester, die dort vorhin herauskam trug Schutzkleidung.

Das schien die Dame, die das Abendbrot verteilte, wenig bis gar nicht zu stören. Schwungvoll nahm sie das Tablett, öffnete mit einem fröhlichen „Essen ist da“ die Tür und verschwand in dem Raum. Als sie wieder herauskam, rief die neben meinem Bett stehende Schwester: „Frau K. darf auch schon essen, bringst Du ihr bitte ein Tablett.“ Zu mir gewandt fügte sie hinzu:“Sie möchten doch etwas essen?“. Etwas ungläubig entgegnete ich: „Ja, aber nicht von ihr. Sie war gerade in dem Quarantäne-Zimmer, ohne Schutzkleidung.“ Zum Glück reagierte die Schwester schnell und kam ihrer Kollegin zuvor, indem SIE mir das Tablett brachte, bevor es jemand anders anfassen konnte. Was daraufhin auf dem Flur vor meiner – mittlerweile – geschlossenen Tür stattfand, konnte ich nur anhand des etwas lauteren Stimmengewirrs erahnen….

Als die „Rolli-Dame“ eine Stunde später mein Tablett abholte, erklärte Sie mir auf jeden Fall unaufgefordert, dass sie sich zwischenzeitlich „anständig“ (ihre Worte) desinfiziert hätte.

Da ich und mein Arm – mehr oder weniger – wohlauf sind (bis auf die Schmerzen), gehe ich davon aus, keinen Keim erwischt zu haben.

Etwas später wollte ich mich bei etwas Fernsehen entspannen, stellte jedoch schnell fest, dass den Fernseher an meinem Bett wohl auch jemand brauchen konnte. Alle anderen Betten hatten einen, meiner fehlte. Leider auch die Fernbedienung für das etwas in die Jahre gekommene Gerät, welches an der Decke hing. Dann also lesen, meinen Kindle hatte ich ja vorsorglich – wie alles andere – in meinem Schrank eingeschlossen, bevor ich den Raum verließ.

Was soll ich noch sagen? Andere machen Abenteuerurlaub, ich habe mich – mehr oder weniger freiwillig – für eine Abenteuer-Biopsie entschieden 😀

Da aber ausnahmslos alle Pflegekräfte und Ärzte dieses Krankenhauses sehr freundlich (man könnte fast schon sagen „liebevoll“) und zuvorkommend gewesen sind und mein Sarkomspezialist dort Konsiliararzt ist, habe ich das Ganze eher mit Humor genommen und mich nicht geärgert (außer über die so leichtfertig mit Keimen umgehende Servicekraft).

Mittlerweile bin ich wieder zu Hause und muss jetzt ca. zehn Tage auf das Ergebnis der Biopsie warten. Dann sehen wir, wie es weitergeht. Die nächste Operation findet aber definitiv im Agaplesion und NICHT in Wilhelmsburg statt.

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