Die Sekretärin – Teil 2

Eine gute Bekannte (Sekretärin in einem großen deutschen Unternehmen) rief mich gerade an und bat etwas verzweifelt um Hilfestellung bei der Ideenfindung zu einem Betriebsausflug. An ihrem leicht hysterischen Unterton erkannte ich die präkere Lage, in der sie sich offensichtlich befand. Ihre – wie ich finde – grandiosen Ideen wurden gerade von ihrem Chef in der „Luft zerrissen“.

Bei unserem Telefonat fiel mir sofort folgende Begebenheit aus meinem Sekretariats-Alltag ein:

„Was haben Sie bloß für Ideen?“, der Chef schüttelt genervt den Kopf und sieht mich – seine Sekretärin – mit hochgezogener Augenbraue an. „Sie wollen allen Ernstes den diesjährigen Betriebsausflug zur Werft in Papenburg machen? Was sollen die Kollegen sich da anschauen? Eine mit Mickey Mäusen bemalte Aida? Ich dachte, Sie sind eine intelligente mitdenkende Vorstandssekretärin. Das bezweifle ich im Moment stark.“ Der zweite Vorstand murmelt unverständliche, jedoch zustimmende Sätze. Damit war das Thema beendet. Ich weiß, jetzt ist die Vorstandssitzung gelaufen und egal, was ich noch anbringen würde, mein Tag wird nicht mehr gut. Dabei habe ich bereits alles bis ins kleinste Detail geplant. Ein schönes Hotel exklusiv für die Firma reserviert, die interessante Werksführung besprochen und eine Stadtführung sollte es auch geben. Die Kollegen, die ich vorher natürlich befragt hatte, freuten sich auf den Ausflug.

Nun gut, werde ich mir etwas anderes überlegen. Etwas, dass vorher mit dem Vorstand abgestimmt ist und das Wohlwollen der beiden findet. Oder noch besser, gleich den Vorschlag des Chefs übernehmen: Eine Rundfahrt durch die noch lange nicht fertiggestellten Stationen der IBA und IGA. Mit Rundgängen über planierte aber völlig unbebaute Ackerflächen und einem abschließenden Essen in einem gehobenen Hamburger Restaurant. Die Kollegen würden sich sicherlich auf diesen Ausflug freuen….

Ein halbes Jahr später: An einem regnerischen Tag laufen 30 missmutige Kollegen (die restlichen 25 hatten gute Gründe leider nicht an diesem überaus interessanten Ausflug teilnehmen zu können) über eine vom Regen aufgeweichte planierte Ackerfläche und lauschen mehr oder weniger interessiert den Ausführungen eines Tourguides, wie es hier in ca. zwei Jahren aussehen wird.

Zwei gut gelaunte Vorstände loben ihre Sekretärin (mich), welch schönen Ausflug sie organisiert hat, verstehen allerdings nicht, wie es zu dieser geringen Teilnehmerzahl kommen konnte. Sicherlich habe sie etwas falsch in der Einladung formuliert.

Dann fällt dem einen Vorstand etwas ein, was er schon lange anregen wollte. „Sie wissen ja, nach dem Betriebsausflug ist vor dem Betriebsausflug.“ Lacht über seinen eigenen Scherz und führt weiter aus: „Ich habe darüber nachgedacht, wie wir unsere nächste Tour noch interessanter gestalten könnten.“ Er legt eine Pause ein, um die Spannung zu erhöhen. „Wir sollten etwas planen, was ein wenig mehr Freizeitcharakter hat. Und da hatte ich die Idee, sich einmal komplett aus unserem Branchenbereich wegzubewegen und etwas ganz anderes zu machen.“ Er vergewissert sich, meine volle Aufmerksamkeit zu haben und fährt fort: „Was halten Sie davon, wenn wir nächstes Jahr eine zwei Tages Tour mit Übernachtung planen. Und als Ziel hatte ich die Meyer-Werft in Papenburg in’s Auge gefasst. Haben Sie davon schon einmal etwas gehört? Dort werden die AIDA-Kreuzfahrtschiffe gebaut. Das wäre doch einmal interessant! Und wir könnten gleich die entzückende Stadt bei einer Stadtrundfahrt erkunden. Vielleicht finden Sie sogar ein Hotel, welches wir exklusiv reservieren können.“ Von seinem eigenen Einfallsreichtum sichtlich begeistert fügt er hinzu:“ Das organisieren Sie mal. Da machen wir etwas Feines für die Kollegen. Die freuen sich dann auch.“ Und, nach einer kurzen Pause: „Warum muss der Vorstand sich eigentlich immer selbst um alles kümmern? Ich würde eigentlich erwarten, dass solche Ideen auch einmal von Ihnen kommen.“

Am nächsten Tag hole ich meine – zum Glück aufbewahrten – Unterlagen über Papenburg aus der Schublade und buche die Zwei-Tages-Tour für das nächste Frühjahr.

Zum Schluss sei noch erwähnt, dass dieser Ausflug kurzfristig abgesagt werden musste, weil der Vorstand – trotz Eintrag in seinem Terminkalender – aus Versehen eine Urlaubsreise über den Termin des Betriebsausflugs gebucht hatte und ohne ihn diese Veranstaltung natürlich nicht stattfinden konnte……

2 Kommentare zu „Die Sekretärin – Teil 2

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