Durchs Raster gefallen

Sollte dieser Beitrag etwas hart, verbittert und anmaßend rüberkommen, bitte ich dafür im Vorfeld bereits um Entschuldigung! Ich bin nicht missgünstig, neidisch oder neige  dazu, Stammtischparolen heraus zu posaunen. Mein heutiges Erlebnis muss ich mir aber einfach von der Seele schreiben, sonst ersticke ich daran.

In einigen Wochen läuft mein Krankengeld aus und mein Rentenantrag wurde noch nicht abschließend bearbeitet. Für mich bedeutet das, ich melde mich bei der zuständigen Agentur für Arbeit als arbeitssuchend aber nicht vermittelbar und beziehe ein so genanntes Überbrückungsgeld bis zur Klärung meiner Erwerbsunfähigkeitsrente.

Heute um 11:15 Uhr hatte ich einen Termin mit meiner Sachbearbeiterin. Die Unterlagen sollte ich bitte vollständig ausgefüllt und mit den benötigten Anlagen ergänzt mitbringen. Versteht sich von selbst, ich war vorbereitet.

Zuerst einmal muss ich lobend erwähnen, dass von meinem Eintreffen in der Behörde bis zum Eintritt in das Büro der Sachbearbeiterin gerade einmal drei Minuten vergingen. Ein Vorteil der Kleinstadt Ahrensburg. In Hamburg undenkbar.

Die (wirklich) sehr freundliche Dame schaut sich meine Unterlagen an und bemerkt die gute Vorbereitung, alles dabei, nichts fehlt.

Dann erläutert sie mir das weitere Prozedere. Aufgrund meiner derzeitig bestehenden Krankmeldung, würde ich als „unvermittelbar“ eingestuft werden. Meinen gewissenhaft ausgefüllten Krankenfragebogen leitet sie weiter an den amtsärztlichen Dienst der Arbeitsagentur zur Überprüfung meines Kranken- bzw. Gesundheitsstandes.

Soweit so gut. Das war mir bereits aus dem vorangegangenen Telefonat bekannt. Was mich aber ungläubig schauen lässt, ist die weitere Erläuterung:

Der Amtsarzt wird rein nach Aktenlage, also ohne persönlichen Untersuchungstermin, über meinen tatsächlichen Krankenstand entscheiden. Sollte er (entgegen meiner behandelnden Ärzte) der Auffassung sein, meine Krankheit würde mich weniger als sechs Monate an der Ausübung einer Beschäftigung mit mindestens 15 Stunden pro Woche hindern, erhalte ich kein Überbrückungsgeld. Sollte ich – seiner Meinung nach – noch länger als sechs Monate arbeitsunfähig bleiben, erhalte ich das volle Arbeitslosengeld (berechnet nach dem letzten Verdienst meiner Arbeitsfähigkeit) und das Arbeitsamt würde einen Rentenantrag stellen bzw. die Beschleunigung meines bereits gestellten Antrages bewirken.

Meine Frage, wie ich denn ohne Arbeitslosengeld meine monatlichen Kosten decken solle, beantwortet sie schulterzuckend mit: „Sie könnten versuchen, ALG II zu beantragen. Wird aber schwierig, weil sie ja verheiratet sind und ihr Mann monatliches Einkommen hat. Da müssten Sie dann mal schauen, ob sie nicht doch arbeiten können. In den meisten Fällen ist das dann so, dass unsere Kunden, lieber arbeiten gehen.“

Meine Antwort fällt etwas angespannt aus: „Wenn ich könnte, würde ich sehr gerne arbeiten gehen. Dann würde ich auch nicht hier sitzen und diesen Antrag abgeben, sondern mich auf einen neuen Job vorbereiten.“ Meine weitere Anmerkung: „Ich habe mir diese Krankheit nicht freiwillig ausgesucht.“ und die Frage, wie es denn sein könne, dass ich nun anscheinend – unverschuldet – durch das Raster des sozialen Netzes fallen würde, lässt ein mildes (jedoch wenig verständnisvolles) Lächeln auf ihrem Gesicht erscheinen und Sie erklärt mir, dass ich während meiner Krankheit ja auch nichts zu dem sozialen Netz beigetragen, sondern nur Leistungen erhalten hätte und das nun seit immerhin fast eineinhalb Jahren. Die Leistungen der Arbeitsagentur und des Sozialamtes seien für Menschen bestimmt, die für die Vermittlung in eine neue Beschäftigung offen oder aktiv am Arbeitsmarkt beteiligt sind. Ich, in meiner Situation, würde da mal so durch’s Raster fallen. Da gäbe es seit Jahren leider diese Gesetzeslücke in Deutschland.

Stimmt, da hat sie Recht (ich Schmarotzer…). Die vorangegangenen 33 Jahre, in denen ich nahezu lückenlos (bis auf einmal für zwei Monate) in voller Beschäftigung war und jeden Monat in die Sozialkasse eingezahlt habe, zählen natürlich nicht. Wie kann ich auch nur der irrigen Annahme sein, dass der Staat für Menschen wie mich ein Sicherheitsnetz spannt, in das man sich bei Bedarf einfach mal fallen lassen kann.

Ich schlucke alle unsachlichen Fragen, die durch meinem Kopf schwirren, runter. Sie könnte mir sowieso nicht erklären, warum mein ehemaliger Nachbar mit bestem gesundheitlichen Status, der seinen Job gekündigt und das Erbe seiner Eltern von 200.000 Euro innerhalb eines Jahres mit vollen Händen unters Volk gebracht hat, jetzt gemütlich in seiner vom Amt bezahlten Wohnung mit einem monatlichen „staatlichen Einkommen“ sitzt, weil er mit 54 Jahren als nicht vermittelbar eingestuft wurde (ohne amtsärztliche Beurteilung). Mir würden noch mindestens fünf weitere Beispiele einfallen, dich ich bisher als „ist halt so“ eingestuft habe, jetzt aber aus einem ganz anderen (nicht sehr freundlichen) Blickwinkel betrachte.

Stattdessen lächle ich sie an und presse hervor: „Na, dann schauen wir mal, wie der Herr Doktor meine Situation einschätzt.“

Sie lächelt zurück und gibt zu bedenken, dass ja vielleicht auch eine Umschulung in Betracht käme oder einige Weiterbildungen, die mich für einen anderen Job qualifizieren würden. Und, vermutlich mache ich mir ja auch viel zu viele Sorgen jetzt. Wenn ich wirklich noch so krank sei, wäre doch gar nichts los…..

Um Freundlichkeit bemüht – sie kann ja im Endeffekt nichts dafür – verabschiede ich mich und verlasse ihr Büro.

Sicherlich ist es wahrscheinlich, dass der Amtsarzt mir eine längerfristige Erkrankung bestätigt. Bestimmt mache ich mir gerade zu viele Sorgen um meine Existenz. Wahrscheinlich wird alles gut und seinen normalen Gang gehen.

Meine – ohnehin schon angeknackste – Psyche suggeriert mir aber in diesem Moment vehement, ich sei asozial, arbeitsscheu und fast schon betrügerisch, weil ich diesen Antrag gestellt habe.

Zu Hause angekommen, gönne ich mir ein Löffelchen aus der Tüte Depressionen von meiner letzten Shoppingtour und begehe den weiteren Tag mit Nichtstun (wie man das als Sozialschmarotzer so macht…)

 

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