Die Sekretärin – Mit Leib und Seele

25 Jahre lang war ich Sekretärin, mit Leib und Seele. Es war für mich kein Beruf, sondern eine Berufung (wie man so schön sagt).

Von „ganz unten“ bis „ganz oben“ habe ich mich hochgearbeitet. Zuerst im Abteilungssekretariat eines großen Energieversorgers, dann als Geschäftsleitungssekretärin in verschiedenen Firmen und schließlich – nach einigen Jahren Selbständigkeit – als Vorstandssekretärin einer Treuhandgesellschaft und einer größeren Firma im Immobilienbereich.

Dann war Schluss. Meine Krankheit erlaubte es mir nicht, mich länger als nötig zu betätigen. Ich kann nicht mehr lange sitzen, stehen oder laufen.

Von 100 auf 0.

Das hat mich ziemlich mitgenommen. Ich fühlte mich nicht nur krank, sondern auch auf dem Abstellgleis.

Dort hatten mich meine Chefs mehr oder weniger hingeschoben. Kann man doch eine Krebskranke nicht in ein Vorstandssekretariat setzen, sie kann ja nichts mehr leisten.

So ganz Unrecht hatten sie damit nicht. Ich kann sie verstehen, könnte ich das, was ich tagtäglich – meist von ihnen unbemerkt – geleistet habe, ja wirklich nicht mehr. Nur, die Art und Weise tat schon weh.

Ich haderte mit meinem Schicksal, lange Zeit. Wollte unbedingt wieder dazu gehören, mitmischen im Tagesgeschäft und wusste doch, es geht nicht. Alles, was ich in den Jahren erlebt hatte, sah ich durch die rosarote Brille. Nichts war schwierig, stressig oder anstrengend. Keine Ungerechtigkeit fiel mir mehr ein und jede noch so schlechte Laune meiner Chefs entschuldigte ich im Nachhinein. Bloß bitte noch einmal wieder in den Hörer sagen: „Sekretariat ……, guten Tag.“, mich für Aufsichtsräte aufopfern, bis in die Nacht Großveranstaltungen am Laufen halten oder Internetseiten auf Vordermann bringen.

Irgendwann rissen mein Mann und meine Freundin mir diese Brille förmlich von der Nase. Hatte ich nicht vor einigen Jahren einen leichten Burn-Out von dem ganzen Stress? Da war auch mal ein Hörsturz. Und, wie war es noch, als ich fast zwei Jahre lang zwei Jobs machen musste, weil keine Nachfolgerin für meine Kollegin (die rechtzeitig die Reißleine gezogen und gekündigt hatte) gefunden (oder überhaupt gesucht) wurde.

Was war mit den Ungerechtigkeiten und Launen meiner Chefs? An guten Tagen lächelten sie und behandelten mich wie einen Menschen. An schlechten ignorierten sie mich bestenfalls, schlechtesten Falls brüllten sie mich an oder schlugen mir die Tür vor der Nase zu.

So geht es jeder Sekretärin die ich kenne (und ich kenne einige). Keine hat einen wirklich „normalen“ Menschen als Chef. Wir (meine Kolleginnen und ich) glauben, dass ein Chef in höherer Position seine Normalität bei Unterschrift des Vertrages ablegt oder zumindest in der untersten Schublade seines Schreibtisches versteckt, damit keiner denken könnte, er wäre nett (= weich) oder gar menschlich.

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Alle haben wir das Buch „Und morgen bringe ich ihn um….“ von Katharina Münk gelesen (sehr empfehlenswert übrigens). Und alle haben wir ähnliches erlebt.

(Für Interessierte ist das Buch z. B. hier zu beziehen)

 

Viele Situationen kamen mir in den Sinn, die keine meiner Kolleginnen aus den anderen Abteilungen geduldet oder ertragen hätte. Immer wieder hörte ich, „wie hälst Du das jeden Tag aus?““ Dass Du das so wegstecken kannst?“ „Hast Du gar keine Angst vor Deinen Chefs, ich habe schon ein komisches Gefühl, bei Euch über den Flur zu gehen….“

Ich bin nicht verbittert oder bereue die Zeit. Dafür habe ich meinen Job – trotz allem – zu gerne gemacht. Heute würde ich mir aber viele Dinge nicht mehr „antun“, sagen oder gefallen lassen. Mir ist klar geworden, was ich möchte und was nicht. Und ich habe genaue Vorstellung davon, was ich mir zumuten kann, ohne einen „seelischen“ Schaden  davon zu tragen.

In einem anderen Blog habe ich letzt einen tollen Beitrag gelesen über „den Egoismus der Krebskranken“. (Holunderbusch / „Meinung gefragt….“) Das sprach mir tief aus der Seele. Ja, ich bin egoistischer geworden und habe damit den einen oder anderen bestimmt vor den Kopf gestoßen. Deshalb bin ich aber nicht weniger hilfsbereit oder emphatisch. Ich bin nur direkter in dem, was ich nicht möchte.

Um mir immer wieder klar zu machen, dass ich nicht einem Job hinterher trauern muss, der mich letztendlich nervlich kaputt gemacht hat, werde ich – immer wenn ich denke, ach, war doch gar nicht so schlimm – in nächster Zeit hier einige Begebenheiten aus meinem Sekretariatsleben posten. Nur, damit meine Brille sich nicht wieder zu rosa einfärbt….

Seit einigen Wochen arbeite ich übrigens wieder als Sekretärin. In einem ganz kleinen Rahmen, auf 450 Euro-Basis für eine Nachhilfeschule, an drei Nachmittagen in der Woche in meinem Homeoffice. Mein Chef und meine Kollegin sind nett und wir haben ein sehr entspanntes fröhliches Verhältnis.

Diesen Job darf ich neben meiner vollen Erwerbsunfähigkeitsrente ausüben, ohne dass mein Verdienst von der Rente abgezogen wird. Eine meiner Freundinnen fragte mich letzt, ob es mich nicht stören würde, gegenüber einem vorher überdurchschnittlich guten Gehalt nun für diesen niedrigen Stundenlohn tätig zu sein.

Darüber musste ich erst einmal nachdenken. Und, nein, es stört mich überhaupt nicht. Tue ich doch etwas, was mir Spaß macht, ohne den Stress von früher zu haben und bin auch noch mit netten Menschen in Kontakt.

Mir tut dieser Job richtig gut, habe ich doch das Gefühl, gebraucht zu werden.

Also, in den nächsten Wochen gibt es ab jetzt immer mal eine „nette“ und (wie man es nimmt) amüsante Geschichte aus meinem alten Sekretärinnen-Leben. Ich hoffe, es stört Euch nicht und Ihr lest auch diese Posts gerne mit.

2 Kommentare zu „Die Sekretärin – Mit Leib und Seele

  1. Oh auf die Geschichten freue ich mich schon!!
    Wunderbar!!
    Ich selber kenne auch ein paar wenige dieser Frauen und weiß, was sie „ertragen“ können und habe mich auch immer gewundert, wie man das aushält. Spannend, ich freu mich auf Deine Berichte!

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