Mutti is calling

Die Reinigungskraft meiner Mutter hat Darmkrebs.

Diese Tatsache eröffnet mir meine Mutter um 21:48 Uhr am Telefon. Da ich die Dame kenne und auch sehr gerne mag, geht mir das nahe und sie hat mein volles Mitgefühl.

Nun muss ich dazu sagen, dass meine Mutter mich so gut wie nie anruft. Im Normalfall (an 362 Tagen pro Jahr) rufe ich sie an und erkundige mich nach ihrem Wohlbefinden. Das mache ich (an manchen Tagen mehr oder weniger) gerne, ist sie doch fast 82 Jahre alt und ich fühle mich besser, wenn ich weiß, wie es ihr geht.

Heute jedoch ruft sie mich an, teilt mir unter Tränen mit, wie es um ihre Putzperle bestellt sei und klärt mich haarklein über die anstehenden Untersuchungen, Behandlungen und eventuellen Begleiterscheinungen auf. Das nehme sie (meine Mutter) körperlich und seelisch sehr mit.

Soweit, so gut, ich kann sie verstehen. Begleitet die Dame sie doch bereits seit einigen Jahren.

Nachdem wir also alle Eventualitäten einer Darmkrebserkrankung eingehend erläutert haben, fragt meine Mutter, wie es mir denn eigentlich gehen würde. Meine Antwort nicht abwartend setzte sie erst noch einmal nach: „Gott Kind, ich bin ja so froh, dass Du keinen richtigen Krebs hast.“

Etwas verwirrt unterlasse ich die Aufzählung meiner „Wehwehchen“ und frage sie stattdessen, was denn „richtiger“ Krebs wäre. Die Antwort kommt prompt: „Naja, so mit Metastasen und so. Und, wenn der einen Namen hat, den man kennt, wie eben Darmkrebs oder ein Gehirntumor.“

„Aha, aber, Brustkrebs kennst Du doch auch, oder?“

„Ja, sicher, aber der wurde doch gar nicht operiert bei Dir und ist ganz klein, also eigentlich harmlos. Und dieses andere Ding, was Du da hast, da kann man ja nicht mal den Namen aussprechen. Das kennt ja keiner. Wie hieß das nochmal?“

„Ein Angiosarkom, Mama.“

„Siehst Du, nicht mal ein Tumor.“

„Mama, ich will Dich nicht beunruhigen oder verwirren, aber das ist ein Tumor, ein bösartiger. Und, was meinst Du, warum ich so oft operiert wurde und Bestrahlungen bekommen habe? Und, auch wenn der Tumor in der Brust klein ist, so ist er doch da.“

„Ja ja, das habe ich schon alles verstanden. Ich bin ja nicht blöd. Aber meine arme B. ist ja jetzt so richtig krank und das geht mir wirklich nahe. Bei Dir war das doch alles gar nicht so schlimm und ist doch alles schon behandelt und du siehst ja auch nicht krank aus. Und irgendwann muss doch auch mal gut sein. In ein paar Monaten oder so kannst Du auch wieder richtig laufen und die Brust bleibt ja dran. Dabei fällt mir ein, würdest Du mit mir ins Krankenhaus fahren und B. besuchen? Da möchte ich unbedingt hin, sie freut sich bestimmt.“

(Kleine Anmerkung der „Redaktion“: Mich hat meine Mutter nicht einmal im Krankenhaus besucht – zu warm, zu kalt, zu regnerisch, Kopfschmerzen…. Auch die – mehrfachen – Angebote meines Mannes und meiner Freundinnen, sie abzuholen, hat sie dankend abgelehnt)

„Sei mir nicht böse, aber ich möchte zur Zeit niemanden im Krankenhaus besuchen. Mir geht es nicht so gut nach den Bestrahlungen etc. und ich kann schlecht laufen im Moment, habe ziemlich starke Gelenkschmer……

„Kind, die Frau ist wirklich krank und ich verlange doch nichts Unmögliches von Dir. Nur einmal kurz (eine Fahrt von mir zu meiner Mutter dauert 40 Minuten…) hinfahren und hallo sagen. So egoistisch habe ich Dich aber nicht erzogen!“

„Mama, lass uns morgen noch einmal darüber sprechen. Ich muss jetzt ins Bett, bin total müde.“

„Jetzt schon? In Deinem Alter war ich aber nicht so trantütig (Hamburger Ausdruck für „langweilig“). Naja, Du kannst mir dann ja morgen sagen, wann es Dir passt.“

Meine Mutter legt auf und lässt mich sprachlos und mit der Erkenntnis zurück:
Na, da bin ich doch eigentlich ganz gesund. Zum Glück habe ich ja keinen richtigen Krebs. Muss ich morgen gleich nach der Bestrahlung meinem Onkologen erzählen.

Langsam stehe ich auf und humple ins Bett. Mein Mann fragt noch, ob ich heute keine Schmerztablette nehmen will.

Nein Schatz, yippiehey, es geht mir gut!

 

 

6 Gedanken zu “Mutti is calling

  1. Was für ein Text… Ich bin sprachlos… Das tut mir so leid für dich. Wer weiß wie wir im Alter ticken. Dennoch… Zu behaupten, du hättest keinen richtigen Krebs und überhaupt… Wahnsinn. Fühl dich lieb gedrückt von mir! ❤ Lieben Gruß!

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  2. Da bin ich platt? Ist das eine seltsame Schutzfunktion, die sich Mütter im Alter zulegen? Einfach ausblenden, wie krank die eigene Tochter ist? Ach, Mensch, ich drück dich. Das muss teuflisch weh tun.

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    1. Danke, der „Drücker“ tut gut 🙂 Ich weiß nicht, ob das eine Schutzfunktion ist oder was ich davon halten soll. Bei Ihren Bekannten (oder besser, bei fast jedem, den sie trifft Zeitungsverkäufer, Metzger, Postbote, Freunde, Nachbarn etc.) erzählt sie immer haarklein von meiner Krankheit. Dann bekommt sie Mitleid und jeder sagt ihr, wie arm sie dran ist mit ihrer kranken Tochter. Ist schon ein bisschen schizophren….. Aber, mittlerweile lebe ich damit. Liebe Grüße

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