Selektion

Eigentlich (einschränkende Wortwahl, sagt die Psychologin) geht es mir ganz gut heute. Die Psyche hat sich ein wenig berappelt und sieht nicht mehr alles pechschwarz. Auch die 38 Grad Außentemperatur verkrafte ich überraschend gut. (Dank an die Schwestern, die mich mit Eispacks und kalten Getränken versorgen!)

Wenn man so tagelang zur Bettruhe verdonnert ist, hat man viel Zeit zum Nachdenken. Nach dem Gespräch mit der Psychologin gestern stellt sich mir heute die Frage, bin ich zu anspruchsvoll oder sogar egoistisch? Wie viel darf oder kann ich von meinen Freunden, meiner Familie erwarten?

Der Kreis meiner Freunde beschränkt sich auf einige wenige Personen und meine Familie ist auch überschaubar. Das ist ok. Dachte ich doch immer, nicht Quantität, sondern Qualität zählt.

Ich bin sehr glücklich, meinen Mann zu haben. Er ist selbständig, hat viel zu tun (wir brauchen ja das Geld) und kommt trotzdem fast jeden Tag zu mir.

Auch meine beiden besten Freundinnen möchte ich nicht missen. Die eine ist gerade im Urlaub, fragt mich täglich, wie es mir geht und lässt mich via whatsapp mit schönen Fotos an ihrem Tagesablauf teilhaben. Das ist schön und gibt mir das Gefühl, dabei zu sein. Die andere hat drei Jobs und schafft es trotzdem, mich für ein paar Minuten zu besuchen.

Durch die Unterstützung zwei weiterer Freunde habe ich überhaupt erst die Möglichkeit bekommen, mich von diesen hervorragenden Spezialisten hier untersuchen und operieren zu lassen.

An dieser Stelle: Ich bin so froh, dass Ihr da seid und ich habe Euch sehr lieb 😘 ( Ihr wisst, wer gemeint ist).

Aber, wo seid ihr anderen. Die, die ihr mir immer sagt, wie wichtig ich Euch bin. Oder besser, wie wichtig Euch meine Hilfe (Geld oder Auto leihen, Klamotten schenken) und meine Unterstützung (Job oder bezahlbare Wohnung besorgen, Homepage kostenlos erstellen) ist.

Einem – wie ich dachte – sehr guten Freund ist es heute zu warm, um im Krankenhaus vorbei zu kommen. „Wie hälst Du das bloß aus, bei der Hitze im Bett.“ Und dann noch betont locker „naja, sei froh, dass Du nicht raus musst, ist echt unerträglich.“ Vielleicht wäre es die nächsten Tage noch möglich, einen Besuch einzuschieben. Aber, dass es mir so schlecht gehe, damit hätte man ja nicht rechnen können…. Müsste doch die Tage wieder gut sein, dann lohne ja auch der Weg nicht…. Und überhaupt ist es ziemlich ungünstig, dass ich mir den Sommer für sowas ausgesucht hätte, im Winter wäre es zeitlich ja nicht so eng.

Auch meine Mutter zieht es vor, den Kontakt auf Anrufe zu beschränken. Ist ja echt zu heiß, um die Wohnung zu verlassen. Das müsste ich doch verstehen.

Nein, diese Aussagen lösen bei mir kein Verständnis, sondern absolute Sprachlosigkeit aus. In diesem Fall bin ich egoistisch und anspruchsvoll. Ich habe die Liste meiner Freunde noch einmal überarbeitet. Zu meiner Mutter spüre ich nun eine leichte Distanz, der „sehr gute“ Freund ist der Selektion zum Opfer gefallen. Auch, wenn es mich einige Tränen gekostet hat…..

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