Lagerkoller

 

Ich hätte den „Lagerkoller“ sagt die Schwester. Das würde jeder früher oder später nach einer großen Operation bekommen. Sie kenne das schon und ich solle doch bitte alles rauslassen, dann würde es mir irgendwann wieder besser gehen. Die Psychologin käme nachher, bis dahin dürfe ich gerne klingeln, wenn es zu schlimm wird.

Und, es ist schlimm, sehr schlimm….

Kurz nach dem Frühstück fing es an:

Mir geht es schlecht, sehr schlecht. Nicht unbedingt physisch (dank hochdosierter Schmerzmittel halten sich die Beschwerden in Grenzen), meine Psyche rebelliert.

Ohne Grund breche ich haltlos in Tränen aus und bin durch nichts zu beruhigen. Alles finde ich ganz schrecklich und ich habe das Gefühl, dass es nie wieder besser wird.

Vom Knie bis in die Zehenspitzen habe ich kein Gefühl im linken Bein. Jede Wundkontrolle wird für mich zum dramatischen Erlebnis, weil ich zwar sehe, dass die Schwester mein Bein berührt, es aber nicht fühlen kann. Dieses leblose Stück Unterschenkel gehört nicht zu mir. Kurz hatte ich sogar den Gedanken, vielleicht hätten sie es doch lieber abnehmen sollen, das wäre auch nicht schlimmer und ich könnte jetzt vielleicht schon anfangen, laufen zu lernen (das ist natürlich Blödsinn, aber, wie gesagt, es geht mir psychisch sehr schlecht).

Das Gleiche am Rücken, kein Gefühl bis in die rechte Brust hinein und der rechte Arm widersetzt sich standhaft jedem Befehl meines Gehirns. Ein kontrollierter Einsatz ist nicht möglich (zweimal habe ich schon den Inhalt meines Wasserglases auf dem Nachtschrank verteilt).

Die Schwestern sind so lieb, verständnisvoll und bemüht, mir alles so angenehm wie möglich zu machen. Das weiß ich sehr zu schätzen und bin sehr dankbar dafür. Trotzdem fühle ich mich mehr denn je todkrank und völlig hilflos.

Mein Bein sieht furchtbar aus und mein Rücken ist auch „zerstört“. Arbeiten werde ich noch ewig nicht können (wenn überhaupt jemals wieder), ich fühle mich als Belastung für die Menschen um mich herum und für das Sozialsystem im Allgemeinen. Und, ich habe ein schlechtes Gewissen so krank zu sein, dass ich auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen bin und, dass sich Menschen Sorgen um mich machen.

Ich bin eher so der „Macher-Typ“. Im Büro habe ich zwei Chefs gemanagt, drei Großveranstaltungen organisiert und nebenbei noch die Homepage programmiert. Nach Feierabend eine große Runde mit dem Hund gegangen, die Bügelwäsche erledigt und die Buchhaltung für meinen Mann gemacht. Am Wochenende mit Mutti zum Einkaufen gefahren und die Wohnung auf Vordermann gebracht. Alles kein Problem bisher.

Jetzt schon…. Nicht mal eins davon geht. Gehen überhaupt wäre toll….

Vor einer halben Stunde kam die Psychologin. Wirklich beruhigen und eine glückliche Stimmung herbei zaubern konnte sie nicht. Geschafft hat sie es aber, mir klar zu machen, dass es mir schlecht gehen darf, dass ich das nicht mit ungerechtfertigtem Jammern verwechseln soll und dass ich jetzt Hilfe nicht nur zulassen und annehmen, sondern gerne auch „einfordern“ darf.

Wir haben das auch gleich geübt und ich habe einen der „grünen Engel“ (ehrenamtliche Helfer in Hamburger Krankenhäusern, die kleine Besorgungen etc. für Patienten übernehmen) angefordert, um mir ein Eis und Schokolade aus der Cafeteria bringen zu lassen. Bisher hatte ich diesen Dienst nie in Anspruch genommen, weil ich dachte, das sei den Patienten vorbehalten, denen es „wirklich“ schlecht geht.

Morgen kommt die Psychologin wieder, sie ist guter Dinge, dass es mir dann – zumindest psychisch – schon ein bisschen besser geht.

Das Eis ist himmlisch…. Und, Schokolade macht ja bekanntlich glücklich….

 

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